Alternate Text

Die gesündesten Blutgefäße der Welt

Dienstag 16 Mai 2017
News detail image
Eine Bevölkerungsgruppe im Amazonasgebiet von Bolivien scheint die gesündesten Blutgefäße der Welt zu haben. Dies berichtet die renommierte medizinische Fachzeitschrift The Lancet. Wie leben diese Menschen? Was essen sie? Und wie können wir dieses Wissen in unserer Praxis anwenden?

 

Die Tsimané sind eine kleine Bevölkerungsgruppe, die im Amazonasgebiet in Bolivien lebt. Seit 2002 wird ihre Gesundheit intensiv erforscht, vor allem, weil bei ihnen Herz-Kreislauf-Erkrankungen offenbar fast gänzlich unbekannt sind. Es zeigt sich zum Beispiel, dass die Verkalkung der Koronararterien bei den Tsimané annähernd fünfmal seltener auftritt als in der westlichen Welt. Verkalkte Koronararterien erhöhen das Herzinfarktrisiko.

 

Der Lebensstil der Tsimané

Nach Angaben der Forscher sind die Menschen im Westen 54 Prozent ihrer wachen Zeit über körperlich inaktiv. Bei den Tsimané sieht das ganz anders aus: Sie bewegen sich tagsüber ungefähr 90 Prozent der Zeit. Um ihren Lebensunterhalt zu sichern, angeln, jagen und sammeln sie und bauen im kleinen Umfang Bananen und Maniok an. Damit sind sie praktisch den ganzen Tag über beschäftigt.

Die Nahrung der Tsimané ist sehr reich an Kohlenhydraten (72 Prozent). Dabei handelt es sich jedoch um unverarbeitete, ballaststoffreiche Kohlenhydrate aus ungeschältem Reis, Kochbananen, Maniok, Mais, Nüssen und Früchten. Ihre Nahrung enthält etwa 14 Prozent Eiweiß, vor allem aus Fisch und in geringerem Maß aus Fleisch. Der Fettanteil ist mit 14 Prozent eher gering: etwa 38 Gramm pro Tag, von denen 11 Gramm aus gesättigten Fettsäuren bestehen. Transfette kommen in ihrer Ernährung nicht vor. Geraucht wird so gut wie nicht.

 

Ergebnisse der Studie

Für die Beobachtungsstudie besuchten die Forscher in den Jahren 2014 und 2015 insgesamt 85 Tsimanédörfer. Das Risiko für Herzerkrankungen wurde durch einen CT-Scan des Herzens bei 705 Erwachsenen im Alter von 40 bis 94 Jahren bestimmt. Nicht nur die koronare Arterienverkalkung wurde gemessen, sondern auch Gewicht, Alter, Herzfrequenz, Blutdruck, Cholesterin, Blutzucker und Entzündungslast.

Der CT-Scan zeigte, dass bei beachtlichen 85 Prozent der Tsimané kein Risiko von Herzerkrankungen vorlag. Zum Vergleich: In der westlichen Welt sind dies bei einer ähnlichen Bevölkerung nur 14 Prozent. Bei den Tsimané zeigten hingegen nur 13 Prozent ein geringes Risiko und nur 3 Prozent ein mittleres oder hohes Risiko.

Auffallend ist auch, dass sich diese Ergebnisse bis ins hohe Alter fortsetzen. Etwa 65 Prozent der Tsimané über 75 Jahren zeigten so gut wie kein Risiko und nur 8 Prozent von ihnen unterlagen einem mittleren bis hohen Risiko. Dies sind die niedrigsten Werte, die im Bereich der vaskulären Alterung jemals bei einer Population gemessen wurden, berichtet The Lancet.

 

Blutdruck, Blutzucker und Cholesterin

Bei den Tsimané sind auch die Herzfrequenz-, Blutdruck-, Cholesterin- und Blutzuckerwerte niedrig. Die Forscher vermuten, dass dies auf ihren aktiven Lebensstil und die gesunde Ernährung zurückzuführen ist.

„Ihre Nahrung enthält wenige gesättigte Fettsäuren und viele unverarbeitete, ballaststoffreiche Kohlenhydrate, Wild und Fisch. Daher nehmen wir an, dass ihre Lebensweise vor einer Verkalkung der Herzarterien schützt. Insofern kann also jede Abweichung von ihrer ursprünglichen Lebensweise als zusätzlicher Risikofaktor für Gefäßalterung gesehen werden. Wir glauben daher, dass die heutige westliche Bevölkerung mit ihrer vorwiegend sitzenden Lebensweise von bestimmten Elementen dieses Lebensstils profitieren würde.“

 

Entzündungen nicht immer Ursache von Herzerkrankungen

Dass Entzündungen das Risiko von Herzerkrankungen vergrößern, wird allgemein angenommen. Aber die bei den Tsimané gefundenen Entzündungen erwiesen sich als nicht mit einem erhöhten Risiko von Herzerkrankungen zusammenhängend. Wahrscheinlich waren sie die Folge von bei den Tsimané häufig auftretenden Infektionen und keine Low-grade-Entzündungen, die in der Tat einen Risikofaktor darstellen. Diese werden durch westliche Fertiggerichte, die viel raffinierten Zucker und Omega-6-Fettsäuren enthalten, verursacht und in Gang gehalten. Aber wie lange bleiben die Tsimané noch dagegen gefeit?

„Durch den Bau von Straßen und die Einführung von motorisierten Kanus schrumpfen die Entfernungen zu den nächstgelegenen Märkten immer mehr. Auf diesen Märkten kaufen sie dann Zucker und Speiseöl. Im Ernährungsbereich bricht für die Tsimané somit eine radikal andere Zeit an.“

 

In der Praxis

Die Studie legt nahe, dass Verkalkung der Herzarterien vermieden werden kann. Dazu sollte man unverarbeitete Lebensmittel mit hohem Gehalt an Ballaststoffen wählen, den Zuckerkonsum einschränken, keine Fertiggerichte und Öle mit Omega-6-Fettsäuren verzehren, Fische und Wildtiere bevorzugen und sich vor allem viel bewegen. So bleiben Blutdruck und Blutzuckerwerte niedrig und auch die ständige Entzündungsbelastung des Körpers wird vermieden. Dass dies nicht immer einfach ist, geben auch die Forscher zu.

„Es ist schwierig, in der westlichen Welt die gleichen Ergebnisse zu erzielen. Aber wir können sehr wohl einzelne Elemente übernehmen und auf diese Weise Herzerkrankungen vermeiden, von denen wir immer geglaubt haben, dass so gut wie jeder irgendwann in seinem Leben davon betroffen ist.“

 

Quelle

Kaplan H. et al, Coronary atherosclerosis in indigenous South American Tsimane: a cross-sectional cohort study, The Lancet, 16 maart 2017, pii: S0140-6736(17)30752-3. doi: 10.1016/S0140-6736(17)30752-3. [Epub ahead of print].

Bonusan verwendet Cookies um die Webseite zu verbessern und Ihnen eine bessere Dienstleistung anbieten zu können. Möchten Sie wissen, welche Cookies wir gebrauchen? Lesen Sie hier mehr.

Internetbureau W3S