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Interview mit Frits Muskiet zum Thema Fett

Mittwoch 17 Mai 2017
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Der amerikanische Ernährungsforscher Ancel Keys hat die Vorsicht-Fett-Parole aus der Taufe gehoben, die unsere Ernährungsgewohnheiten über Jahrzehnte hinweg geprägt hat. Frits Muskiet, emeritierter Professor für Pathophysiologie und klinisch-chemische Analyse, ist jedoch der Ansicht, dass dies nur zu ungesunden Essgewohnheiten beigetragen hat.

 

„Ancel Keys stand Pate für den möglicherweise größten Irrtum in der Geschichte der Ernährungswissenschaft“ – Frits Muskiet

 

Wenn Sie einen x-beliebigen Menschen danach fragen, welches der ungesündeste Nahrungsbestandteil ist, ist die Chance groß, dass Sie hören werden: „Fett“. Woran liegt das?

Ancel Keys publizierte seine Sieben-Länder-Studie im Jahr 1978. Als Folge der selektiven Veröffentlichung von Ergebnissen wurde dann – verstärkt ab dem Jahr 1985 – der Verzehr von gesättigten Fettsäuren, Cholesterin und „Nahrungsfetten“ generell mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen assoziiert. Dies hat zu Ernährungsempfehlungen geführt, durch die sich die Ernährungsgewohnheiten der Bevölkerung massiv verändert haben. So wurden vor allem Eier und gesättigte Fettsäuren zunehmend gemieden und durch Linolsäure und Kohlenhydrate ersetzt. Letztere bestanden insbesondere aus sogenannten schnellen Kohlenhydraten wie Zucker und Brot.

 

 

Welche Folge hatte das für unsere Gesundheit?

Die rasche Zunahme des Anteils an schnellen Kohlenhydraten in der Nahrung lässt die Menschen dicker und kränker werden. Nicht umsonst sprach die WHO im Jahr 2015 Empfehlung aus, „freien Zucker“ einzuschränken. Dies ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Der vorherrschende Konsens innerhalb der Ernährungswissenschaft zu Fett hat sich jedoch seit Keys kaum geändert. Das ist buchstäblich tödlich, weil es zum vorzeitigen Tod vieler Menschen führt.

Noch immer herrscht die Empfehlung, mehr Kohlenhydrate zu verzehren, und noch immer bildet die Senkung des Verzehrs gesättigter Fettsäuren den Schwerpunkt offizieller Bemühungen. Obwohl die Metaanalyse randomisierter Interventionsstudien zeigt, dass das Ersetzen gesättigter Fettsäuren durch Linolsäure sogar zu einem – allerdings nicht signifikanten – erhöhten Sterberisiko führt. Aus der gleichen Studie geht hervor, dass die Senkung „unseres“ Cholesterins mithilfe von Linolsäure mit einer höheren Sterblichkeit assoziiert ist.

 

 

Wie konnte es zu diesem Linolsäure-Missverständnis kommen?

Vor dem Jahr 2015 galt, dass die Menge der in der Nahrung enthaltenen gesättigten Fettsäuren unter 10 Energieprozent gehalten werden müsse. In den USA gilt noch immer die Empfehlung, weniger als 7 Energieprozent gesättigte Fettsäuren mit der Nahrung aufzunehmen. Die American Heart Association gab im Jahr 1961 die Empfehlung heraus, einen Linolsäuregehalt in der Nahrung von 5-10 Energieprozent anzustreben. Gesättigte Fettsäuren sollten dabei durch mehrfach ungesättigtes pflanzliches Fett – sprich: Linolsäure – ersetzt werden. Daran hat sich die Bevölkerung teilweise gehalten. Der Linolsäuregehalt der Muttermilch ist seither um den Faktor 2-3 gestiegen.

Auch die heutige Säuglingsnahrung strotzt geradezu von Linolsäure, da der für Säuglingsnahrung empfohlene Linolsäuregehalt an den in der Muttermilch gemessenen Wert angepasst wurde. Interessanterweise macht der Fettgehalt der Milch, der sich zu 40-60 % aus gesättigten Fettsäuren zusammensetzt, etwa 50-60 % der in der Milch enthaltenen Gesamtenergie aus. Dieser Anteil an gesättigten Fettsäuren kann im Wesentlichen nicht durch die Ernährung der Mutter beeinflusst werden. Da Muttermilch somit etwa 7-10 Energieprozent gesättigte Fettsäuren enthält, müsste sie eigentlich verboten werden. Getrieben von der Empfehlung, gesättigte Fettsäuren durch mehrfach ungesättigte Fettsäuren zu ersetzen, versucht der Mensch nun die einzige Diät zu „verbessern“, die von der Evolution selbst geschaffen wurde.

 

 

Wie viel Energieprozent gesättigte Fettsäuren nehmen wir in den Niederlanden zu uns?

Die durchschnittliche Aufnahme von gesättigten Fettsäuren in den Niederlanden lag in den Jahren 2007-2010 in der Größenordnung von 12 bis 13 Energieprozent, wobei sich dieser Anteil seit 2003 nicht wesentlich verändert hat. Milch und Milchprodukte stellen in den Niederlanden mit Abstand die wichtigsten Quellen von gesättigten Fettsäuren dar. Allerdings zeigen sich in Metaanalysen von Beobachtungsstudien – wenn überhaupt – nur positive Wirkungen von Milch und Milchprodukten auf Indizes für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes mellitus Typ 2. RCTs ergeben keine potenziell schädlichen Auswirkungen auf Risikofaktoren im Zusammenhang mit zirkulierenden Fetten, Blutdruck, Entzündungen, Insulinresistenz und Gefäßfunktion.

Dabei spielt es keine Rolle, ob Vollfett- oder fettarme Produkte verwendet werden. In einer Metaanalyse von 21 prospektiven Studien mit insgesamt 347.747 Teilnehmern zeigte sich ebenfalls keine Beziehung zwischen der Gesamtaufnahme von gesättigten Fettsäuren und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Bei einer noch neueren Metaanalyse wurde bei gesunden Personen kein Zusammenhang zwischen der Aufnahme gesättigter Fettsäuren und den damit üblicherweise assoziierten Ursachen von Sterblichkeit – Herz-Kreislauf-Erkrankungen, ischämischer Schlaganfall und Diabetes mellitus Typ 2 – gefunden.

 

 

Welche Rolle spielt Ancel Keys dabei?

Keys hat mit seine „Sieben-Länder-Studie“ den Grundstein für die Cholesterinhypothese bei kardiovaskulären Erkrankungen gelegt. Einfach gesagt: „LDL-Cholesterin ist schlecht und HDL-Cholesterin ist gut.“ Dies ist zwar noch immer nicht eindeutig bewiesen, aber viele Wissenschaftler betrachten es dennoch als feststehende Tatsache, über die nicht mehr diskutiert wird. So akzeptierte zum Beispiel der niederländische Gesundheitsrat in seinen „Ernährungsrichtlinien für gute Ernährung 2015“ LDL-Cholesterin als nachgewiesene Ursache für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Aber bis heute hat die Wissenschaft noch längst nicht das letzte Wort dazu gesprochen.

Es ist wichtig, die Argumente der Befürworter der Cholesterinhypothese genau auf ihre Stichhaltigkeit hin zu prüfen. Dass die instabilen atherosklerotischen Plaques Cholesterin enthalten, muss eben noch lange nicht bedeuten, dass Cholesterin die Ursache der Atherosklerose ist. Ein wichtiges Argument lautet, dass Statine das LDL-Cholesterin senken und dass Statine das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen verringern. Beide Beobachtungen sind zweifellos schlüssig bewiesen, aber das beweist noch lange keine Kausalität zwischen der Senkung von LDL-Cholesterin und einem verringerten Erkrankungsrisiko. Statine haben eine sogenannte pleiotrope Wirkung; sie bewirken mehr als nur LDL-Cholesterin zu senken, auch wenn dies der Hauptgrund war, weswegen Statine erforscht wurden. Zum Beispiel unterdrücken Statine auch Entzündungen. Sie reduzieren die CRP und somit ist es äußert schwierig, genau zu bestimmen, was Ursache und was Wirkung ist. Bereits in den 90er Jahren wurde durch Ross festgestellt, dass Atherosklerose eine entzündliche Erkrankung ist.

 

 

Was ist nun der tatsächliche Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen?

In Wirklichkeit geht es um eine Unterfraktion des LDL, das sogenannte „kleine dichte LDL“. Das ist der eigentliche Risikofaktor und selbst dies steht noch nicht eindeutig fest. In der Tat „erhöhen gesättigte Fettsäuren das LDL-Cholesterin“, aber das ist nur die halbe Wahrheit. Denn dieser Tatsache muss hinzugefügt werden, dass es hierbei um eine Erhöhung der größeren LDL-Partikel geht, die kein Risiko darstellen, und dass gleichzeitig ja auch der Anteil des HDL-Cholesterins zunimmt.

Kleine, dichte LDL fallen unter anderem mit einer Abnahme des „Wohltäters“ HDL zusammen, das sich in dieser Situation also wie ein Bösewicht verhält. Ihre Entstehung wird durch falschen Lebensstil verursacht, wobei „Low-Grade-Entzündungen“ im Zentrum stehen. Wenn wir nicht gerade davon ausgehen, dass die Natur unlogisch ist und unsere Evolution nicht darauf abzielt, unseren Körper in seinem Kontext zu optimieren, kann es nicht in der Absicht der Natur liegen, uns Herz-Kreislauf-Erkrankungen aufzubürden.

Wer die unerschütterlichen Prinzipien der Biologie nicht völlig über Bord werfen will, muss zugeben, dass Herz-Kreislauf-Erkrankungen eine ganz normale Reaktion auf eine vom Menschen gewählte Umwelt/Lebensstil sind, die es im Laufe der Evolution in dieser Form noch nie gegeben hat.

 

 

Wie können wir das Blatt wenden?

Bei der Aufklärung der Öffentlichkeit über die Faktoren und Risiken eines ungesunden Lebensstils ist es wichtig, in wissenschaftlich fundierter Weise über die Auswirkungen von gesättigten Fettsäuren und unseres Serum (LDL)-Cholesterins zu informieren. Es gibt mittlerweile viele seriöse Wissenschaftler, die hierbei die Führung übernehmen, weil sie aus dem Gesamtsystem heraus denken. Außerdem ist auffallend, dass gerade auch Ärzte – Menschen mit einer direkten Verantwortung für das Leben von individuellen Patienten – ihre Stimme erheben und ihren Einfluss immer stärker geltend machen.

Ich hoffe, dass ich verdeutlichen konnte, dass der herrschende Konsens bezüglich Fett auf Missverständnissen beruht und das Grundprinzip der Biologie als eines systemischen Ganzen übersieht.

 

Literatur

Weiterführende Hintergrundinformationen und Literaturhinweise finden Sie unter anderem in:

  1. Muskiet FAJ, Muskiet HHA, Kuipers RS Het faillissement van de verzadigd vethypothese van cardiovasculaire ziektes Ned Tijdschr Klin Chem Labgeneesk 2012; 37: 192-211.
  2. Muskiet FAJ. De LDL-cholesterol concentratie heeft zijn status als risicofactor verloren. Ned Tijdschr Klin Chem Labgeneesk 2016; 41: 253-265.
  3. Ruiz-Núñez B, Dijck-Brouwer DA, Muskiet FA. The relation of saturated fatty acids with low-grade inflammation and cardiovascular disease.J Nutr Biochem. 2016.

https://www.foodlog.nl/artikel/reactie-van-professor-muskiet-op-professor-katan-inzake-vet-en-ancel-keys/

 

 

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