Alternate Text

Evolutionäre Sicht auf Depressionen

Dienstag 02 Januar 2018

Die evolutionäre Sichtweise gewinnt bei Depressionen zunehmend an Boden. Eine neue, in der Fachzeitschrift Brain, Behavior and Immunity erschienene Übersichtsstudie zeigt, dass Depressionen zwar adaptiv sein können, aber in unserer heutigen Zeit unter dem Einfluss von zwölf Umweltfaktoren chronifiziert werden.

Keine Symptome, sondern Ursachen

Die in Brain, Behavior and Immunity erschienene Übersichtsstudie wurde auf der Grundlage von Fragestellungen der Evolutionspsychiatrie durchgeführt [1]. Diese Form der Psychiatrie entstand aus der Unzufriedenheit mit der symptomatischen Klassifikation und der darauf beruhenden medizinischen Behandlung von Depressionen. Anstelle von Symptomen stehen bei der Evolutionspsychiatrie evolutionäre Ursachen von und Erklärungen für psychische Erkrankungen im Mittelpunkt. Dies ist schon deshalb sinnvoll, weil das herkömmliche Behandlungskonzept vielen Patienten nur unzureichend helfen kann.

Herkömmliche Herangehensweise

Nehmen wir zum Beispiel die medikamentöse Behandlung. Normalerweise werden bei klinischen Depressionen Antidepressiva verabreicht. Diese sind jedoch mit erheblichen Nachteilen behaftet: Es liegen Hinweise darauf vor, dass SSRI das Risiko eines vorzeitigen Todes um 33 Prozent erhöhen [2]. Außerdem erzielen sie bei mindestens der Hälfte der Patienten keine befriedigende Wirkung [3]. Warum eigentlich nicht?

Die Übersichtsstudie nennt dafür zwei Gründe. Zum ersten, dass Depressionen kein homogenes Phänomen sind und sich daher nicht für eine Monotherapie eignen. Zu zweiten, weil depressives Verhalten aus evolutionärer Sicht keine „psychische Störung“ darstellt, sondern vielmehr eine Adaption. Beginnen wir beim ersten Punkt.

Nicht alle Formen von Depressionen sind gleich

Aus Sicht der Forscher sind nicht alle Formen von Depressionen gleich:

„In unserem Aufsatz erklären wir, dass Depressionen keine einheitliche Krankheit, sondern ein heterogenes Syndrom darstellen. Die Patienten zeigen sehr unterschiedliche Symptomprofile und Pathophysiologien und reagieren durchweg unterschiedlich auf die Behandlung.“

Den Forschern zufolge müsse daher auf der Grundlage von zwölf Umweltfaktoren, die Depressionen fördern, zwischen zwölf verschiedenen Arten von Depressionen unterschieden werden. Hierbei muss der Begriff Umwelt weit gefasst werden: von Pathogenen, die Infektionen auslösen, bis hin zu sozialen Stressfaktoren wie Autoritätskonflikten und sozialer Ablehnung. Jede Form erfordert dabei einen völlig eigenen Ansatz.

So ist zum Beispiel bei durch Infektionen (oder Low-grade-Entzündungen) verursachten Depressionen ein anderes Behandlungskonzept nötig als bei Depressionen, die durch soziale Ablehnung verursacht werden. Im ersten Fall kann als primäre Maßnahme eine entzündungshemmende Therapie gewählt werden, die beispielsweise bei Ernährung, Bewegung und Supplementierung ansetzt. Im zweiten Fall stehen Verarbeitung und Akzeptanz im Vordergrund. Weiter unten erfahren Sie, warum aber auch hier auf den Lebensstil geachtet werden muss.

Interaktionsumgebung und Gene

Der Einfluss der Umwelt spielt eine große Rolle bei Depressionen. Aber auch die genetische Anfälligkeit für Depressionen ist wichtig. Warum sind wir eigentlich anfällig für Depressionen?

Genau dies ist die Frage, die sich die Evolutionspsychiatrie stellt. In der Übersichtsstudie kommen die Wissenschaftler jedenfalls zu dem Schluss, dass Depressionen im Laufe der Evolution wahrscheinlich ursprünglich einen Überlebensvorteil darstellten oder zumindest keinen allzu großen Nachteil mit sich brachten. Ansonsten wären die entsprechenden Gene bereits in einem viel früheren Stadium unserer Evolution herausgefiltert worden. Aber was könnten das für Vorteile sein?

Als erstes müssen wir dazu zwischen depressiven Gefühlen temporärer Natur und chronischen Depressionen unterscheiden. Depressive Gefühle können oft dazu beitragen, negative (soziale) Erfahrungen besser zu verarbeiten [4]. Sie sorgen dafür, dass man sich zurückzieht und zunächst einmal abgrenzt, um ungestört und intensiv über Probleme nachzudenken. Normalerweise wird man sich dann nach einer gewissen Zeit wieder in das soziale Leben integrieren.

Den Forschern zufolge beginnen die Probleme erst dann, wenn wir diese evolutionäre Anpassung in den heutigen Kontext stellen.

Chronische Depressionen sind evolutionär neu

„Chronische Depressionen sind aus evolutionärer Sicht etwas Neues. Sie entstehen aus einer Diskrepanz zwischen der Umwelt, in der wir leben, und derjenigen, in der unsere fernen Vorfahren lebten.

Der moderne Lebensstil – einschließlich der sitzenden Lebensweise und unserer energiereichen und mikronährstoffarmen Ernährung – dereguliert das Immunsystem und verursacht chronischen Stress. Dies erhöht wiederum den Gehalt an proinflammatorischen Cytokinen im Blut, wodurch die Stimmung negativ beeinflusst wird und ein Krankheitsverhalten entsteht, das für Depressionen kennzeichnend ist.“ [5]

Evolutionär und orthomolekular

Obwohl es wichtig ist, zwischen verschiedenen Subtypen von Depressionen zu unterscheiden, ist es genauso wichtig, in jedem Fall für einen Lebensstil zu sorgen, der unseren evolutionären Bedürfnissen entspricht. Welchen Ansatz Sie auch immer für Ihre Klienten wählen: Sie kommen dabei nie um Ernährung, Bewegung und Supplementierung herum. Den Forschern zufolge können wir jedoch noch mehr tun.

„Die Behandlung von Depressionen sollte in Zukunft stärkeres Gewicht auf die Analyse symptomatischer Muster und auf intensive Gespräche legen sowie zusätzlich Bluttests durchführen, um das Vorhandensein entzündlicher Substanzen und Stresshormone festzustellen.“

Den Forschern zufolge sei es allerhöchste Zeit, die vorliegenden Erkenntnisse so schnell wie möglich in die Praxis umzusetzen.

Literatur

[1] Markus J. Rantala et al. Depression subtyping based on evolutionary psychiatry: Proximate mechanisms and ultimate functions, Brain, Behavior, and Immunity (2017). DOI: 10.1016/j.bbi.2017.10.012

[2] Maslej MM, Bolker BM, Russell MJ, Eaton K, Durisko Z, Hollon SD, Swanson GM, Thomson JA Jr, Mulsant BH, Andrews PW., The Mortality and Myocardial Effects of Antidepressants Are Moderated by Preexisting Cardiovascular Disease: A Meta-Analysis, Psychother. Psychosom. 2017 Sep 14;86(5):268-282.

[3] Nelson JC1., Treatment of antidepressant nonresponders: augmentation or switch?, J Clin Psychiatry. 1998;59 Suppl 15:35-41.

[4] Andrews, P. W., & Thomson, J. A., Jr., The bright side of being blue: Depression as an adaptation for analyzing complex problems. Psychological Review (2009), 116(3), 620-654.

[5] MedicalXpress, Depression treatment needs overhaul, November 3, 2017

Internetbureau W3S

Bonusan verwendet Cookies um die Webseite zu verbessern und Ihnen eine bessere Dienstleistung anbieten zu können. Möchten Sie wissen, welche Cookies wir gebrauchen? Lesen Sie hier mehr.

Accepteer Alleen Functionele Cookies