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Die „Gefahren“ von glutenfrei

Mittwoch 11 Oktober 2017
Glutenfrei liegt zu Recht voll im Trend. Trotzdem heißt es oft, dass Gluten nur schädlich für Menschen mit Glutenintoleranz oder -sensitivität ist und dass glutenfreie Produkte nicht in jedem Fall gesünder sind. Ist glutenfrei nun gesund oder nicht? Das erklären wir Ihnen gerne.

 

In den Medien liest man oft, dass Gluten nur schädlich für Menschen mit Glutenintoleranz oder -sensitivität sei. Oft heißt es auch, dass „nicht zu empfehlen ist, auf eigene Faust mit einer glutenfreien Diät zu experimentieren, da dies ein hohes Risiko für das Auftreten von Mangelerscheinungen mit sich bringt“ [1]. Häufig hört man auch, dass spezielle glutenfreie Produkte noch längst nicht immer eine gesunde Alternative zu herkömmlichen Produkten sind [2]. Ist glutenfreie Diät daher nur mit Vorsicht zu genießen? Schauen wir uns doch zunächst einmal genau die Fakten an, bevor wir eigene Schlussfolgerungen ziehen.

 

Getreide aus der evolutionären Perspektive

Dass Menschen aus evolutionärer Sicht keine Getreideesser sind, ist eine unübersehbare Tatsache. Getreide wurde erst vor relativ kurzer Zeit – vor 10.000 Jahren als Folge der landwirtschaftlichen Revolution – in unseren Speisezettel aufgenommen. Zuvor wurde es höchstens sporadisch angebaut oder verzehrt. Urzeitliche Ernährung reicht hingegen Millionen von Jahren zurück, in eine Zeit, in der wir uns vor allem von Wurzeln, Nüssen, Obst, Gemüse, Fisch und ein wenig Fleisch ernährt haben. So gesehen sind Getreide und Getreideprodukte unnatürlich bzw. „keine richtige Menschennahrung“.

Doch die Bedeutung der glutenfreien Ernährung beruht auf mehr als nur allein auf evolutionären Überlegungen. Eine stetig wachsende Zahl wissenschaftlicher Studien zeigt, dass Gluten einen negativen Einfluss auf den Darm, die Darmwand und von dort aus dann auch auf den gesamten Körper bis hin zum Gehirn hat.

 

Leaky Gut und Low-grade-Entzündungen

Das in Getreide enthaltene Gluten enthält die Proteinkomponente Gliadin. Gliadin ist besonders reich an Prolin, wie es auch bei Casein der Fall ist. Das Problem dabei ist, dass Menschen Prolin nur schwer verdauen können. Außerdem regt Gliadin die Bildung von Zonulin an, das die als Tight Junctions bezeichneten Bereiche der Darmwand dazu veranlasst, sich zu öffnen. Eine lang anhaltende Belastung führt dann zu einem sogenannten Leaky Gut, dem berüchtigten durchlässigen Darm.

Sobald die Darmwand durchlässig ist, können Gliadin und andere unerwünschten Gäste direkt in den Blutkreislauf gelangen. Darauf reagiert das Immunsystem so, wie es zu reagieren hat: mit einer Immunantwort. Aber: Je länger dieser Zustand anhält, desto mehr steigt das Risiko, dass die einmal ins Leben gerufene Immunreaktion zu einer Low-grade-Entzündung ausartet. Dies ist eine Entzündung, die ständig aktiv ist, Energie verbraucht und Körpergewebe schädigt.

 

Moderne Krankheiten

Viele der heute verbreiteten Erkrankungen besitzen eine deutliche entzündliche Komponente, die von einem undichten Darm verursacht wird, so zum Beispiel Typ-2-Diabetes, Übergewicht und MetS. Außerdem werden immer mehr neurologische Erkrankungen damit in Zusammenhang gebracht. Unter anderem migrieren aus einem Leaky Gut Exorphine ins Gehirn. Dabei handelt es sich um unvollständige Abbauprodukte von Gliadin. Zu den Erkrankungen, die damit in Zusammenhang gebracht werden, zählen Aufmerksamkeitsstörungen, Suchterkrankungen, Pseudo-Autismus und -ADHS.

Aus evolutionärer, physiologischer und neurologischer Sicht erscheint es daher sinnvoll, glutenhaltige Lebensmittel zu meiden. Aber gilt das wirklich für uns alle? Oder braucht sich ein Klient, der kaum Anzeichen von Zöliakie zeigt, keine Gedanken über Gluten zu machen?

 

Schauen wir uns dazu einmal die Zahlen an.

 

Nicht-zöliakische Glutensensitivität

Offiziell leidet nur ein Prozent der Bevölkerung an Glutenintoleranz (Zöliakie) [3]. So wenig das auch zu sein scheint, so ist es doch 80-mal mehr als in noch den 1950er Jahren [4]. Für diese Menschen ist Gluten per definitionem schlecht. Der Verzehr von Gluten verursacht bei ihnen eine Entzündung des Darmepithels. Wenn die Glutenintoleranz nicht rechtzeitig erkannt wird, kann diese Krankheit  zu Mangelernährung, Wachstumsstörungen und weiteren gesundheitlichen Problemen führen. Aber das Problem ist noch weitaus größer.

Nur einer von acht Menschen mit Glutenintoleranz weiß davon. Zusätzlich wurde vor kurzem erkannt, dass eine noch sehr viel größere Anzahl von Menschen unter „nicht-zöliakischer Glutensensitivität“ leidet. Die hierzu genannten Zahlen variieren beträchtlich, doch kann selbst bei konservativer Schätzung davon ausgegangen werden, dass etwa 13 bis 35 Prozent der Bevölkerung an Glutenempfindlichkeit leiden. Dr. med. Kenneth Fine, Gründer und Leiter des Intestinal Health Institute, erklärte in einem Interview, dass möglicherweise sogar 81 % der Amerikaner Gefahr laufen, glutenempfindlich zu werden, vor allem aufgrund des wachsenden Gehalts an Gluten in unserer Nahrung.

 

Glutenfreie Sirupwaffeln

Welche Alternativen haben wir eigentlich, wenn wir Gluten meiden wollen? Eine davon ist, sich auf das glutenfreie Regal des Supermarktes zu beschränken. Die niederländische Verbraucherzentrale kommt jedoch zu dem Schluss, dass dies nicht unbedingt zu empfehlen ist. Aus ihren Stichproben geht hervor, dass die untersuchten glutenfreien Varianten mehr Fette, Zucker und/oder Salz und weniger Ballaststoffe enthalten als vergleichbare glutenhaltige Produkte. Aber dass eine glutenfreie Sirupwaffel keinen Ersatz für gesundes Essen bietet, ist ja ohnehin klar.

Was diese Untersuchung verschweigt, ist die Tatsache, dass der Mensch in der Natur sowieso keine Sirupwaffeln kannte. Wenn Ihre Klienten gesund bleiben (oder werden) möchten, muss man ihnen schon bessere Ideen auftischen. So gesehen ist die Empfehlung der Stiftung Voedingscentrum Nederland auf einmal gar nicht mehr so verkehrt: „... nicht zu empfehlen ist, auf eigene Faust mit einer glutenfreien Diät zu experimentieren, da dies ein hohes Risiko für das Auftreten von Mangelerscheinungen mit sich bringt“.

 

Ein Heilpraktiker mit fundiertem Wissen zur urzeitlichen Ernährung kann hier in der Tat von unschätzbarem Wert sein.

 

Mit Gluten ist nicht zu scherzen

Kritiker der urzeitlichen Ernährung machen sich gerne einmal darüber lustig. „Müssen wir mit unseren Essgewohnheiten wieder in die Zeit zurückkehren, in der wir im Bärenfell über die Steppe streiften, einen Bock schossen und diesen dann mit einer Handvoll Obst und Nüssen verschlangen? Eine romantische Vorstellung. Nun fehlt nur noch der wissenschaftliche Beweis. Guten Appetit!“ 

Dem halten wie eine andere romantische Vorstellung entgegen: Dass unsere heutigen Essgewohnheiten gesünder wären. Ein Ernährungsmuster, das seine Ballaststoffe fast nur noch aus Getreide bezieht – mit Brot und Nudeln als den überwiegenden Bestandteilen – hat, abgesehen von den nachteiligen Wirkungen des Glutens, auch noch einen weiteren großen Nachteil: mangelnde Vielfalt. Außerdem bringt es erwiesenermaßen auch eine unnötig schwere Belastung des Insulinsystems mit sich. Mit anderen Worten: Ein wissenschaftlicher Beweis dafür, dass unsere heutige Ernährung gut für uns sei, ist weit und breit nicht zu finden. 

 

Evolutionäre Gesundheitslehre

Leider gilt immer noch, dass die gesunde Alternative viel zu oft nicht ernst genommen wird. Das stellt die orthomolekulare Praxis vor eine wichtige Aufgabe. Es liegt an uns, unseren Klienten eine gesunde und ballaststoffreiche Alternative auf der Grundlage der evolutionären Ernährungslehre nahezubringen. Dann wird sich schnell zeigen, dass ein Leben ohne Gluten mit Sicherheit nicht bedeuten muss, dass man zu wenig Ballaststoffe (oder zu viel Salz) zu sich nimmt. Auch Nährstoffdefizite sind dabei wirklich kein Thema.

Was müssen wir unseren Klienten vermitteln? Zu lernen, auf das zu hören, was ihr Körper ihnen sagt. Denn der Körper weiß von sich aus, was gut für ihn ist. Dazu halten wir hervorragende Ratschläge für sie bereit: Essen Sie abwechslungsreich, aber sparen Sie nie an Gemüse, Wurzeln, Knollen, Fisch und Meeresfrüchten. Essen Sie ab und zu Obst, Nüsse und Fleisch. Ernähren Sie sich so abwechslungsreich wie irgend möglich und trauen Sie sich auch ruhig einmal, eine (oder zwei) Mahlzeiten zu überspringen.

 

Literatur

[1] Jean-Marc Schwarz et al., Conversion of Sugar to Fat: Is Hepatic de Novo Lipogenesis Leading to Metabolic Syndrome and Associated Chronic Diseases?, The Journal of the American Osteopathic Association (2017).

[2]Juliana Bunim, "Obese Children's Health Rapidly Improves With Sugar Reduction Unrelated to Calories", University of California San Francisco. Retrieved 31 January 2016.

[3] White, J. S. (2009), "Misconceptions about high-fructose corn syrup: Is it uniquely responsible for obesity, reactive dicarbonyl compounds, and advanced glycation endproducts?",  Journal of Nutrition. 139 (6): 1219S–1227S

[4] Aragno M, Mastrocola R., Dietary Sugars and Endogenous Formation of Advanced Glycation Endproducts: Emerging Mechanisms of Disease, Nutrients. 2017 Apr 14;9(4). pii: E385.

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