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Erhöhen Infektionen das Risiko für psychische Störungen bei Kindern?

Freitag 22 Februar 2019

Eine neue Studie deutet darauf hin, dass Infektionen Kinder anfälliger gegenüber psychischen Störungen machen. Vor allem bakterielle Infektionen. Dies scheint jedoch kein kausaler, sondern ein statistischer Zusammenhang zu sein. Der Wirkmechanismus ist noch unklar.

 

Die Erforschung der Zusammenhänge zwischen Körper und Psyche ist eine stetig wachsende Disziplin. Eine neue dänische Studie deutet darauf hin, dass Kinder und Jugendliche nach Infektionen anfälliger für psychische Probleme sein können. Die Studie wurde an der Universitätsklinik Aarhus durchgeführt und online in JAMA Psychiatry veröffentlicht. [1]

Für die Studie sammelten die Forscher die Daten von 1 Million Menschen, die zwischen 1995 und 2012 in Dänemark geboren wurden. Von dieser Gruppe waren fast 4 % stationär wegen psychischer Störungen behandelt worden und mehr als 5 % hatten Medikamente zur Behandlung einer psychischen Erkrankung erhalten. Die Forscher stellten fest, dass Kinder, die aufgrund einer Infektion stationär behandelt worden waren, ein um 84 % erhöhtes Risiko zeigten, später mit psychischen Störungen diagnostiziert zu werden, und ein um 42 % erhöhtes Risiko, Medikamente zur Behandlung dieser Erkrankung zu erhalten.

 

Bakterielle Infektionen erhöhen das Risiko

Das Risiko für psychischen Störungen lag offenbar höher, wenn Kinder zuvor zur Behandlung schwerer Infektionen stationär behandelt worden waren. Aber auch kleinere Infektionen, die nur durch Verordnung von Medikamenten behandelt wurden, waren mit einem erhöhten Risiko verbunden. Insbesondere bakterielle Infektionen und Behandlungen mit Antibiotika erwiesen sich als mit einem höheren Risiko für psychische Erkrankungen assoziiert. Dabei handelte es sich um psychische Störungen wie Schizophrenie, Zwangsstörungen, Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen, mentale Retardierung, Autismus, ADHS, Ticks und oppositionell-aufsässige Verhaltensstörungen.

 

Noch unklarer Wirkmechanismus

Wie Infektionen das Risiko für psychische Störungen erhöhen, sei noch unklar, erklärt der Studienleiter: „Es scheint, dass die Infektionen und darauffolgenden Entzündungsreaktionen das junge Gehirn beeinflussen und Teil des Prozesses der Entwicklung psychischer Störungen sein können. Dies kann jedoch auch durch andere Ursachen erklärt werden. So könnten manche Menschen auch einfach nur genetisch bedingt ein höheres Risiko tragen, an Infektionen und psychischen Störungen zu erkranken.“ [2]

Der Studienleiter weist daher darauf hin, dass diese Studie nicht beweist, dass Infektionen (oder deren Behandlung) psychische Erkrankungen verursachen, sondern nur, dass anscheinend ein Zusammenhang besteht. Dabei handele es sich jedoch nur um eine rein statistische Korrelation. Eltern könnten daher im Allgemeinen ganz beruhigt sein: „Die üblichen Kinderkrankheiten und Alltagsinfektionen, die jeder einmal durchmacht, verursachen in der Regel keinen Schaden. Tatsächlich sind diese Infektionen sogar nötig, damit sich das Immunsystem entwickeln kann.

„Manchmal kann eine Infektion jedoch auch das Gehirn angreifen und dort Schäden hinterlassen, obwohl dies glücklicherweise nur sehr selten vorkommt. Auf jeden Fall ist es sehr wichtig, ein besseres Verständnis der Rolle von Infektionen und antimikrobieller Therapie bei der Entwicklung von psychischen Störungen zu gewinnen. Dies kann dazu beitragen, neue Methoden der Prävention und Behandlung zu entwickeln", lautet die Schlussfolgerung des Wissenschaftlers.

 

Forschungsgebiet mit hohem Entwicklungspotenzial

In den letzten Jahrzehnten wurde viel über die komplexen Wechselwirkungen zwischen unserem Darmmikrobiom und der emotionalen Gesundheit geforscht. Unter optimalen Bedingungen sorgen unser Darm und das Mikrobiom für eine gute Verdauung von Nährstoffen, die Produktion verschiedener Vitamine, den Schutz vor Pathogenen und die Entgiftung unerwünschter Substanzen. Wenn aus irgendeinem Grund – zum Beispiel durch schwere Infektionen oder Antibiotikaverwendung – eine Dysbiose des Mikrobioms entsteht, kann der Darm diese Funktionen nicht mehr richtig erfüllen, was zu allen Arten von Krankheitsbildern führen kann, auch zu mentalen.

Hier seien nur einige relevante Studien zu diesem Themenbereich genannt:
• In einer Studie der University of Auckland wurde der Einsatz von Antibiotika im ersten Lebensjahr mit dem erhöhten Auftreten von Verhaltensproblemen und depressiven Gefühlen im späteren Leben in Verbindung gebracht. [3]

• In einer systematischen Übersichtsstudie der Southern Medical University konnte die Annahme bestätigt werden, dass eine Dysbiose des Mikrobioms mit Verhaltensstörungen bei ASS-Patienten korrelieren kann. [4]

• Eine Studie der Rutgers New Jersey Medical School zeigt, dass Kinder mit ADHS eine spezifische Zusammensetzung der Darmbakterien aufweisen und häufiger unter Verstopfung und Blähungen leiden. Außerdem zeigen neueste Forschungsergebnisse, dass Immundysregulation bei Kindern mit ADHS mit verändertem Mikrobiom, Low-grade-Entzündungen und gastrointestinalen Dysfunktionen assoziiert ist. Es bedarf weiterer Studien, um die genauen Mechanismen zu klären, teilen die Forscher mit. [5]

• Die Mikroglia sind wichtige Makrophagen des Zentralnervensystems (ZNS) und sind entscheidend für die Entwicklung und Funktion des Gehirns und für Immunantworten des ZNS gegen Infektionen. Frühere Studien haben gezeigt, dass das Darmmikrobiom die Mikroglia von der Geburt bis zum Erwachsenenalter beeinflusst. Das genaue Verständnis des Zusammenhangs ist zurzeit jedoch noch begrenzt. Eine Studie der Jinan University liefert eine umfassende theoretische Grundlage für die zukünftige Erforschung der Wege, über die Darmbakterien Erkrankungen des ZNS beeinflussen. [6]

In dieser und vielen anderen Studien werden die zellulären und physiologischen Mechanismen identifiziert, die die Verbindung zwischen Darm, Mikrobiom und unserem Gehirn herstellen. Noch immer gibt es hier jede Menge offene Fragen und daher bleibt noch viel faszinierende, multidisziplinäre Forschungsarbeit zu tun, in einem Gebiet, das allmählich immer klarere Konturen gewinnt.

 

Literatur

[1] Ole Köhler-Forsberg et al. A Nationwide Study in Denmark of the Association Between Treated Infections and the Subsequent Risk of Treated Mental Disorders in Children and Adolescents, JAMA Psychiatry (2018). DOI: 10.1001/jamapsychiatry.2018.3428

[2] https://medicalxpress.com/news/2018-12-infections-young-tied-mental-illness.html

[3] Slykerman R.F. et al., Antibiotics in the first year of life and subsequent neurocognitive outcomes. Acta Paediatr. 2017 Jan;106(1):87-94. doi: 10.1111/apa.13613,
https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/27701771

[4] Liu, F. et al., Altered composition and function of intestinal microbiota in autism spectrum disorders: a systematic review, Transl Psychiatry. 2019. Jan 29;9(1):43. doi: 10.1038/s41398-019-0389-6, https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/30696816

[5] Ming, X. et al, A Gut Feeling: A Hypothesis of the Role of the Microbiome in Attention-Deficit/Hyperactivity Disorders, Child Neurol Open. 2018 Jul 11;5:2329048X18786799, doi: 10.1177/2329048X18786799, https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/30023407

[6] Wang, Y. Et al, The Gut-Microglia Connection: Implications for Central Nervous System Diseases, Front Immunol. 2018 Oct 5;9:2325. doi: 10.3389/fimmu.2018.02325, eCollection 2018, https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/30344525

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