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Autismus: Störung oder Anpassung?

Sonntag 14 April 2019

Dieser Monat ist Autism Awareness Month. Nicht ohne Grund, denn immer häufiger lautet die Diagnose „Autismus“. Aber was ist Autismus eigentlich? Ist Autismus wirklich eine Krankheit, oder hat er eine Funktion, vielleicht sogar einen evolutionären Vorteil?

 

Dem Diagnosehandbuch DSM-V zufolge ist Autismus vor allem durch schwerwiegende und anhaltende Probleme bei der sozialen Interaktion, eingeschränktem Interesse und einer Über- oder Unterempfindlichkeit gegenüber Umweltreizen gekennzeichnet [1]. Wenn diese Merkmale von früher Kindheit an auftreten – und das Kind funktional stark beeinträchtigen – kann die Diagnose Autismus-Spektrum-Störung (ASS) gestellt werden.

 

Vom Verhalten zur Biologie

Die Diagnose ASS begründet sich auf der Beobachtung des Verhaltens. Es wird ein Intelligenztest durchgeführt, um den Entwicklungsgrad der sozialen Interaktionsfähigkeit in Relation zur intellektuellen Leistungsfähigkeit zu ermitteln. Daraus werden dann Rückschlüsse auf die Adaptivität des Verhaltens gezogen. Aber was sagt uns unsere Biologie eigentlich über Autismus?

 
Eine präzise Beschreibung der neurobiologischen Grundlage von Autismus ist noch immer Zukunftsmusik [2]. Dies liegt unter anderem an einem wahren Wildwuchs von „Autismusgenen“ die kreuz und quer im Genom verstreut sind. Außerdem gibt es ungeheuer viele Faktoren, die bestimmen, ob und wie sich autistiformes Verhalten äußert. Eine Übersichtsstudie der Universität Peking (China) hat inzwischen jedenfalls gezeigt, dass autistiforme Verhaltensweisen stark von der Darmflora beeinflusst werden [3].

 
Die Darmflora steht logischerweise in einem kontinuierlichen Zusammenhang mit der Ernährung und dem Lebensstil. Können wir daher schlussfolgern, dass unsere heutige evolutionäre Fehlanpassung auch hier wieder eine Rolle spielt?

 

Zusammenhang zwischen Darmflora und autistiformem Verhalten

Die Forscher werteten mehr als 150 ASS-Studien zu dieser Fragestellung aus. Dabei zeigte sich gleich zu Beginn, dass man bereits in den sechziger Jahren einen Zusammenhang zwischen Darmproblemen und autistiformem Verhalten beobachtet hatte. Auch Sie kennen vielleicht aus Ihrer eigenen Praxis schon seit langem das Phänomen, dass viele von Autismus Betroffene unter Magen-Darm-Problemen wie Durchfall, Verstopfung und Blähungen leiden.


Solche Beschwerden entstehen durch ein Ungleichgewicht zwischen nützlichen und schädlichen Darmbakterien. Übrigens wird bei Menschen mit Autismus auch oft von einer Überempfindlichkeit gegenüber Gluten und Casein berichtet. Alle diese (evolutionär jungen) Faktoren wirken über die Darm-Mikrobiom-Hirn (DMH)-Achse auf das Gehirn [4].

 

Wiederherstellung der Darmflora

Den Wissenschaftlern zufolge geht aus vielen der für den Vergleich herangezogenen Studien hervor, dass eine Wiederherstellung der Darmflora die Symptome des Autismus beseitigen kann: „In unserer Studie haben wir ein besonderes Augenmerk auf Darminterventionen, Ernährung – zum Beispiel casein- und glutenfreie Diäten – und Fäzestransplantation gerichtet. Alle diese Interventionen hatten einen positiven Einfluss auf die Symptome von ASS.“ [5]

 
Zu den Symptomen von Autismus, bei denen häufig eine Verbesserung beobachtet wurde, zählen repetitives Verhalten sowie soziale und kommunikative Fähigkeiten. Besonders die Verbesserung bei den beiden letzteren kann sich positiv auf die Bewährung am Arbeitsplatz und erfolgreiche Lebensgestaltung im persönlichen Umfeld auswirken.

 

Gene und Epigene

Was wir Autismus nennen, beruht daher höchstwahrscheinlich auf einem subtilen Zusammenspiel von Genen und Verhalten, Epigenetik und Umgebung. Unter spezifischen Bedingungen kann er dann bei einer ungünstigen Darmflora und Low-Grade-Aktivität des Immunsystems zum Durchbruch kommen. Wenn aber Autismusgene derart unvorteilhaft sind: Warum wurden sie dann nicht im Laufe der Evolution herausgefiltert?

 
Martin Brüne, Professor für Kognitive Neuropsychiatrie an der Ruhr-Universität Bochum (Deutschland), benennt einige evolutionäre Vorteile, die mit verschiedenen Subtypen autistischen Verhaltens einhergehen könnten [6]. Damit verweist er gleichzeitig auf das Phänomen, dass die Gruppe der ASSler bei weitem nicht homogen ist.

 

Mögliche Überlebensstrategien

Ein möglicher Vorteil von ASS ist slow life history. Diese Überlebensstrategie könnte sicherstellen, dass Lebensgrundlagen langfristig erhalten bleiben. Darunter könnte das Horten von Vorräten fallen, aber auch ein Investieren in langfristige Beziehungen anstelle schnell wechselnder Kontakte.

 
Weiterhin benennt er low fitness als Strategie. Dies bedeutet das Entwickeln von abhängigem oder gestörtem Bindungsverhalten, um auf diese Weise mehr Aufmerksamkeit, Schutz und Pflege durch die Eltern zu erhalten. Dies könnte die Überlebenschance vergrößern.

 
Schließlich hält er es für möglich, auch von einem trade off zu sprechen. Die sozialen Fähigkeiten könnten zugunsten einer höheren allgemeinen (oder vielleicht technischen) Intelligenz weniger stark entwickelt werden. Dies trifft allerdings nur auf intellektuell leistungsfähigere Varianten wie das (früher so bezeichnete) Asperger-Syndrom zu.

 

Von proximal zu ultimat

Kognitive Verhaltenstherapie, Selbsterkenntnis und Verständnis für andere (theory of mind), Beziehungstherapie und Kontakt zu Leidensgenossen sind derzeit die effektivsten Wege für den Klienten, zu lernen, mit seinem Autismus umzugehen. Auch die Anpassung der Umgebung, zum Beispiel in Form der Bereitstellung eines speziell gestalteten (reizarmen) Arbeitsplatzes, kann ebenfalls die erfolgreiche Lebensgestaltung erleichtern. Überdies sollte immer eine intensive Darmintervention erfolgen.

 
Aber nicht nur die proximalen Faktoren verdienen Beachtung; letztlich geht es auch um ultimate (evolutionäre) Wirkmechanismen. Darum sollte man immer auch die adaptive Seite von Störungen wie ASS in die Überlegung einbeziehen. Obwohl hier noch viel Forschungsarbeit zu tun bleibt, wird man auf diese Weise lernen, die Symptome in jedem einzelnen Fall als Folge von (gestörten) Beziehungen zwischen Mensch, Psyche, Darm, Ernährung und Umwelt zu betrachten – das heißt, in einem mismatch zwischen Text und Kontext. Oder, in manchen Fällen, vielleicht sogar als evolutionären Vorteil.

 
Außerdem sei es wichtig, nicht vorschnell Medikamente einzusetzen, betont Brüne: „Wenn man dazu übergeht, psychiatrische Störungen als extreme Variationen statt als Abweichungen von der Norm zu sehen, wird die Annahme plausibel, dass die adaptiven Aspekte einzelner Symptome, Syndrome und Erkrankungen hierbei tatsächlich ein Teil des Ganzen sind.“ [6]

 
Diese Sichtweise ermöglicht nicht nur dem Gesundheitsexperten ein besseres Verständnis, sondern bildet auch das Fundament einer vertieften Selbsterkenntnis des Klienten. Und Akzeptanz.

 

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Literatur

[1] https://www.autismspeaks.org/what-autism/diagnosis/dsm-5-diagnostic-criteria

[2] Bears et al., Neuroscience, exploring the brain, p. 803  

[3] Qinrui Li et al, The Gut Microbiota and Autism Spectrum Disorders, Frontiers in Cellular Neuroscience (2017)

[4] Pruimboom L., DMH-communicatie is bidirectioneel, OrthoFyto (juni 2017), pp. 12-9.

[5] https://medicalxpress.com/news/2017-06-autism-gut.html

[6] Brüne M., Textbook of Evolutionary Psychiatry & Psychosomatic Medicine (2nd edition), Oxford University Press (2016), pp. 142-6.

 

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